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Spiritualität ja, aber ohne Gott.

Spiritualität kommt ohne Gott und Religion bestens aus. Der Begriff wird vor allem im Westen  häufig mit Religion gleichgesetzt. Weil ihn die Religionen jahrhundertelang gepachtet und für ihre Mogelpackungen missbraucht haben. Auf Religionen kann man verzichten, auf Spiritualität nicht, so der französische Philosoph André-Comte Sponville in seinem Buch: “Was glaubt ein Atheist?” (Hier  ein Auszug daraus zum Thema “Spiritualität”.)

“Wenden wir uns hier dem Wichtigsten zu, das meiner Meinung nach nicht Gott ist, auch nicht Religion oder Atheismus, sondern das spirituelle Leben. Manche werden vielleicht verwundert fragen: „Sie als Atheist interessieren sich für das spirituelle Leben?“ Aber sicher. Dass ich nicht an Gott glaube, heisst ja nicht, dass ich keinen Geist habe, und es erspart mir auch nicht, ihn zu benutzen!

Auf Religion kann man verzichten, nicht aber auf Spiritualität. Wozu man sie braucht? Nur weil ich Atheist bin, will ich doch meine Seele nicht kastrieren! Geist ist eine zu bedeutsame Sache, als dass man sie den Priestern, Mullahs oder Spiritualisten überlassen dürfte. Er ist der höchste Teil des Menschen oder besser: seine höchste Funktion, die uns anders, mehr und besser macht als die Tiere, die wir ja auch sind. Der Mensch, meint Schopenhauer, sei ein metaphysisches Tier, also auch, würde ich hinzufügen, ein spirituelles. Das ist unsere Art, das Universum oder das Absolute zu beherrschen. Was könnten wir Besseres, Interessanteres, Höheres erleben? Nicht an Gott glauben ist kein Grund, sich eines Teils seiner Menschlichkeit zu berauben – und vor allem nicht dieses Teil! Keine Religion zu haben ist kein Grund, auf spirituelles Leben zu verzichten.

Spiritualität ohne Gott?

Was ist Spiritualität? Das Leben des Geistes. Und was ist Geist? „Ein denkendes Ding“, antwortet Descartes, also „ein Ding, das zweifelt, einsieht, bejaht, verneint, begehrt, verabscheut, auch vorstellt und wahrnimmt.“ Ich möchte hinzufügen: das liebt, nicht liebt, betrachtet, sich erinnert, spottet oder scherzt… Egal, ob dieses „Ding“ das Gehirn ist, wie ich meine, oder eine immaterielle Substanz, wie Descartes glaubte. Wir denken deshalb nicht weniger. Wir wollen deshalb nicht weniger. Wir phantasieren deshalb nicht weniger. Was ist Geist? Die Potenz des Denkens, insofern sie Zugang zum Wahren, zum Universellen und zum Lachen hat. Es ist wahrscheinlich, dass diese Fähigkeit, diese Potenz, ohne das Gehirn zu nichts fähig wäre, also nicht existiert. Und ohne diese Potenz wäre das Gehirn nur ein Organ wie alle anderen.

Der Geist ist keine Substanz; er ist eine Funktion, eine Potenz, ein Akt (ein Akt des Denkens, Wollens, Vorstellens, Scherzens usw.), und dieser Akt zumindest ist unbestreitbar – weil jedes Bestreiten ihn bereits voraussetzt. „Der Geist ist keine Hypothese“, sagte Alain. Weil es, ausser für und durch den Geist, keine Hypothese gibt.

Aber lassen wir die Metaphysik. Im Zusammenhang mit der Spiritualität macht eher die Ausdehnung des Begriffs „Geist“ Probleme. Versteht man ihn in diesem weiten Sinn, umfasst die Spiritualität alles oder fast alles, was das menschliche Leben ausmacht: „Spirituell“ wäre dann fast ein Synonym von „mental“ oder „psychisch“. Diese Bedeutung ist auf dem  Gebiet, das uns interessiert, kaum noch in Gebrauch. Heute wird mit „Spiritualität“ meist ein viel enger umgrenzter Bereich unseres Innenlebens  bezeichnet – auch wenn er möglicherweise zum Unbegrenzten hin offen ist: jener Bereich nämlich, der mit dem Absoluten, dem Unendlichen, der Ewigkeit in Beziehung steht. Eine Art höchste Spitze des Geistes und zugleich dessen grösste Amplitude.

Wir sind endliche, für das Unendliche offene Wesen. Und vergängliche, für die Ewigkeit offene, sowie relative, für das Absolute offene Wesen, möchte ich hier hinzufügen. Dieses Offene – das ist der Geist. Die Metaphysik beschäftig sich damit, es zu erfassen; Spiritualität besteht darin, es zu erfahren, zu praktizieren, zu leben.

Das unterscheidet die Spiritualität von der Religion, deren Verwechslung nur  auf der Ausweitung der Begriffe oder deren missbräuchlicher Verwendung beruhen kann. Religion ist eine Form der Spiritualität. Sie verhält sich zu ihr wie der Teil zum Ganzen, wie die Gattung zur Art. Jede Religion beruht zumindest teilweise auf Spiritualität; aber nicht jede Spiritualität ist notwendig religiös. Ob Sie an Gott glauben oder nicht, an das Übernatürliche oder an das Heilige – Sie sind in jedem Fall mit dem Unendlichen, der Ewigkeit, dem Absoluten und mit sich selbst konfrontiert. Die Natur reicht dafür aus. Die Wahrheit reicht dafür aus. Unsere vergängliche und realitive Endlichkeit reicht dafür aus. Sonst könnten wir uns nicht relativ, vergänglich und endlich denken.

Zen kommt ohne Gott aus.

Atheist sein heisst nicht, die Existenz des Absoluten zu verneinen, sondern nur dessen Transzendenz, Spiritualität, Personalität, also zu verneinen, dass dieses Absolute Gott sei. Aber dass etwas nicht Gott ist, heisst nicht, dass es nichts ist. Was wären wir sonst, was wäre die Welt? Wenn man unter dem Absoluten etwas versteht, das von jeder Bedingung, von jeder Relation und jedem Gesichtspunkt unabhängig existiert (was die übliche Bedeutung des Wortes ist) – etwa die Gesamtheit aller Bedingungen (die Natur), die Gesamtheit aller Relationen (das Universum) oder die Gesamtheit aller möglichen und wirklichen Gesichtspunkte (die Wahrheit) – , wie sollte man dessen Existenz verneinen können? Die Gesamtheit aller Bedingungen ist notwendig unbedingt, die Gesamtheit aller Relationen notwendig absolut, die Gesamtheit aller Gesichtspunkte notwendig allumfassend.

Das kann man Naturalismus nennen, Immanentismus oder Materialismus. Diese drei metaphysischen Positionen, obwohl nicht immer identisch, stimmen, was unser Thema betrifft, wenigstens negativ in einem entscheidenden Punkt überein: in der Ablehnung alles Übernatürlichen, jeder Transzendenz, jedes immateriellen Geistes (also auch jedes Schöpfergotts). Alle drei Positionen überzeugen mich. Die Natur ist für mich die Gesamtheit des Wirklichen (Übernatürliches gibt es nicht), und sie existiert unabhängig vom Geist (den sie hervorbringt und nicht umgekehrt). Daraus ergibt sich, dass alles dem grossen Ganzen immanent ist (sofern dieses grosse Ganze die Gesamtheit dessen bezeichnet, das ist oder wird) und es nichts anderes gibt. Dass dieses grosse Ganze einzig ist, gehört zu seiner Definition (gäbe es mehrere, wäre es deren Summe) Es ist ohne Schöpfer (jeder Schöpfer wäre ein Teil des grossen Ganzen, er könnte dieses nicht selber erschaffen), ohne Aussen, ohne Ausnahme, ohne Zweckbestimmtheit. Man kann es das Wirkliche nennen – die Gesamtheit aller Wesen und Ereignisse -, allerdings nur unter Einschluss der Potenz, zu sein und zu handeln, die es erst ermöglicht (die Gesamtheit der Ursachen, nicht nur die Gesamtheit der Wirkungen.) Physis, sagten die Griechen, eher als Kosmos. Natur eher als Welt. Werden eher als Ordnung. Es ist weniger die Natur Spinozas als die des Lukrez: frei, weil sie von nichts ihr Äusserlichem beherrscht ist (nicht weil sie sich bewusst selbst lenkte), schöpferisch, aber selbst nicht erschaffen, zufällig und notwendig, ohne Denken, ohne Bewusstsein, ohne Willen – „ohne Subjekt noch Zweck“. Jede Ordnung, setzte sie voraus: keine enthält oder erklärt sie. Natura sive omnia – Natur, also alles.

Das schliesst die Spiritualität keineswegs aus, sondern weist ihr ihren Platz zu, der sicher nicht der erste in der Welt ist, aber zumindest aus einer bestimmten Sicht der höchste im Menschen.

Die Natur kommt vor dem Geist.

Dass die Natur vor dem Geist existiert, der sie denkt, davon bin ich überzeugt. Und da führt der Naturalismus zum Materialismus. Aber der Geist existiert deshalb nicht weniger, besser gesagt, das allein erlaubt ihm zu existieren. Der Materialist in der philosophischen Bedeutung des Begriffs verneint die ontologische  Unabhängigkeit des Geistes, leugnet aber nicht dessen Existenz (sonst wäre der Materialismus selbst undenkbar). Der Geist ist bloss nicht der Ursprung der Natur. Er ist ihr spannendstes, spektakulärstes, verheissungsvollstes Ergebnis – weil es nur für ihn Spannung, Spektakel und Verheissung gibt. Von ihm leitet sich die Spiritualität ab, die nichts anderes ist als das Leben…. Dass jeder Geist leiblich ist, ist kein Grund, ihn nicht zu gebrauchen oder ausschliesslich niederen Tätigkeiten zu widmen. Ein Gehirn kann man für ganz andere Dinge benutzen als dafür, Strassenkarten zu entziffern oder eine Bestellung im Internet aufzugeben….

Von einer Spiritualität ohne Gott zu sprechen ist daher keineswegs ein Widerspruch. Im Okzidenz überrascht das manchmal. Da jahrhundertelang die einzig relevante Spiritualität in unseren Ländern die Religion (das Christentum) war, galten „Religion“ und „Spiritualität“ schliesslich als gleichbedeutend. Aber das stimmt nicht. Betrachtet man das alles mit ein wenig Abstand, zeitlich (besonders aus der Sicht der griechischen Philosophie) wie räumlich (aus der Sicht des buddhistischen oder taoistischen Orients beispielsweise), dann entdeckt man, dass es riesige Bereiche der Spiritualität gab und gibt, die keineswegs Religionen waren oder sind, weder im westlichen Sinn des Wortes (als Glaube an einen oder mehrere Götter) noch im allgemeinen Sinn (als Glaube an das Heilige oder das Übernatürliche.) Wenn alles immanent ist, ist der Geist es auch. Wenn alles natürlich ist, ist die Spiritualität es auch. Das spricht mitnichten gegen das spirituelle Leben, sondern macht es überhaupt erst möglich. Wir sind auf der Welt und von dieser Welt: Der Geist ist Teil der Natur.”

((André-Comte Sponville: Woran glaubt ein Atheist? Spiritualität ohne Gott, Dogenes-Verlag))

2. Juni 2010 | Kategorie: Panorama | Kommentare (0)

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