FSM.
Das Fliegende Spaghetti Monster fliegt und fliegt und fliegt. Und zeigt auf, wie absurd es ist, wenn Religionen und Glaubensgemeinschaften Wissenschaftlichkeit für ihre Glaubensinhalte reklamieren. Die Pastafarianer demonstrieren, wie einfach sich Religionen und Kirchen selber legitimieren, “beweisen” und zum Erfolg führen können.
Gemessen an ihrem Zulauf ist der «Pastafarianismus» die erfolgreichste Religion der Menschheitsgeschichte. Seit ihrer Gründung im August sind gegen 30 Millionen Anhänger zur Website der «Kirche des fliegenden Spaghettimonsters» (Flying Spaghetti Monster, kurz FSM) gepilgert, haben massenhaft T-Shirts mit FSM-Emblemen und Autokleber gekauft und scharenweise Zeugnis von Begegnungen mit dem göttlichen Teigwarenknäuel abgelegt.
Niemanden hat das wohl mehr überrascht als den Propheten der Pastafarianer selber. Der 25-jährige Bobby Henderson aus Corvallis im US-Westküstenstaat Oregon hatte lediglich einen satirischen Beitrag zur Diskussion über Intelligent Design (ID) leisten wollen.
Am Anfang war die Schlaflosigkeit
Dieser Streit rund um die Gleichstellung von Evolutionsgeschichte mit dem Kreationismus an den amerikanischen Schulen hatte den frisch gebackenen Physiker verärgert. Ganz besonders wegen der Argumentation, der auf der Schöpfungsgeschichte der Bibel basierende Kreationismus könne und müsse als «logische Theorie» genauso objektiv behandelt werdenwie die naturwissenschaftliche Theorie der Evolution.
«Ich habe an diesem Tag wieder einmal irgendwas über Intelligent Design gelesen», erzählt Henderson, der damals verzweifelt nach einem Job mit wissen-schaftlichem Hintergrund suchte. «Ich konnte nicht einschlafen und habe mitten in der Nacht den Brief geschrieben», schildert er die wenig gloriose Entstehungsgeschichte von FSM.
In dem höflichen Schreiben an die Mitglieder des Erziehungsrates von Kansas, des ersten Staates, der das Anliegen der Kreationisten umzusetzen plante, skizziert Henderson seine Version der Schöpfungsintelligenz: Es handle sich um ein fliegendes Spaghettimonster. Seine Anhänger seien zahlreich und am Piratenoutfit erkennbar, welches FSM ihnen als religiöse Tracht auferlegt habe. Den wissenschaftlichen Beweis für die Existenz von FSM liefert Henderson mit dem statistischen Zusammenhang zwischen der Abnahme der Piraten in der Karibik und der Zunahme von Unwettern in der Region. Schliesslich verlangt er die Integration seiner Lehre in den Schulunterricht – unter Androhung gerichtlicher Schritte im Unterlassungsfall.
Er erhielt keine Antwort. Darauf publizierte Henderson den Text als offenen Brief auf seiner Homepage www.venganza.org, «die ich eigentlich irgendwann zu einer Website über Piraten hatte machen wollen, aber nie dazu gekommen war». In den ersten Wochen tat sich nichts.
Und es wurde Boing
Dann verwies www.boingboing.net, ein Kultur-Weblog mit Kultstatus, auf FSM. «Ich habe zuvor ähnliche Aktionen zu anderen Themen lanciert, aber nichts ist je dermassen explodiert.» Nachdem Boing Boing seine Seite vorgestellt hatte, wurde Henderson von einem Tag auf den anderen mit E-Mails überschüttet.«99 Prozent waren begeistert», darunter drei Mitglieder des ursprünglich angeschriebenen Erziehungsrates von Kansas.
Leser aus aller Welt woben weiter am religiösen Patchwork, lieferten Theorien und Augenzeugenberichte; Grafiker sandten Vorschläge für Embleme, T-Shirts und Bildschirmschoner. Die ersten Berichte in traditionellen Medien sorgten für weiteren Zustrom, und Henderson mussteeinen ganzen Webserver für seine Site mieten.
Selbstredend antworten ihm auch viele aufgebrachte Anhänger vor allem der christlichen Religion, die ihn wegen Gotteslästerung in teilweise äusserst unchristlicher Weise zum Teufel wünschen. Dabei will sich Henderson keineswegs grundsätzlich über Religion lustig machen – «ich bin christlich erzogen worden, und ich habe nichts gegen Religion, sondern nur gegen die Gleichsetzung mit Wissenschaft.» Die Hassmails beunruhigen ihn nicht. «Ehrlich gesagt, ich liebe sie. Sie motivieren mich nur noch mehr.»
Spaghettimonster erwacht zum Leben
Aus dem Jux ist eine Bewegung geworden. Längst grüssen sich Unbekannte an Partys mit dem FSM-Piratenruf «Arrr!» oder verabschieden sich mit dem Grusswort «Ramen»; im Oktober, dem «Ramendan», wollen sich viele Anhänger ausschliesslich von der gleichnamigen, japanischen Nudelsuppe ernährt haben. Auf Ebay werden eingetrocknete Teigwarenreste als FSM-Reliquien versteigert, und auf Bastel-Webseiten finden sich Anleitungen zum Nähen von Plüsch-Spaghettimonstern.
Google listet zum Stichwort «Spaghetti Monster» heute mehr als 930 000 Webseiten auf, und der Suchbegriff «Creator of the Universe» fördert als ersten Treffer Hendersons Homepage zu Tage.
Derartige Massenphänome sind seit Bestehen des Internets bekannt. Eines der ersten löste 1989 die lausige englische Übersetzung des japanischen Computerspiels «Zero Wings» aus: «All your base are belong to us», sagt der Bösewicht im Intro. Das Zitat wurde zum Inbegriff für unfreiwillige Komik und zum Auslöser einer beispiellosen Welle von satirischen Beiträgen, die allen Erwartungen zum Trotz bis heute nicht abgerissen ist.
Widerstand gegen die Kreationisten
«Ich rechne jeden Tag mit einem Rückgang, aber die Zahl der E-Mails nimmt weiter zu», sagt Bobby Henderson. Die Betreuung der Website, Beantwortung der Mails und die Weiterentwicklung der FSM-Bewegung sind zur Vollbeschäftigung geworden. «Derzeit sitze ich vor 5900 ungelesenen Briefen …», stöhnt er. Aber inzwischen lebt Henderson von den Lizenzzahlungen der T-Shirt- und Autoemblemverkäufer, «und ich verdiene dabei mehr als je zuvor.»
Auf www.venganza.org ist zwar noch immer seine Stellenbewerbung zu finden. Die sollte ihn vor einer Rückkehr in «die Müllhalde Las Vegas» zum vormaligen Job als Prüfer von Glücksspielautomaten retten. «Das hat funktioniert – inzwischen kriege ich laufend Stellenangebote, was ich eigenartig finde.»
Aber sie interessieren ihn auch kaum mehr. Henderson will FSM zu einer aktiven Organisation gegen die Kreationisten ausbauen. «Ich arbeite mit Anwälten daran, FSM in eine Non-Profit-Organisation zu verwandeln. Wir werden alles aufs Korn nehmen, was die Kreationisten-Meute anstrebt. Als Missionsbasis dazu ist die Anschaffung eines Piratenschiffs geplant – vollkommen steuerfrei natürlich.
(Quelle: Tages-Anzeiger, Peter Sennhauser))

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