Kruzi raus, Kreuz rein.
Eine fristlose Entlassung und etliche Schmähbriefe, darunter auch Morddrohungen: Zwei Freidenker bringen Gläubige im Land in Wallung. Wer sind die beiden, und wie erklärt sich die Aggressivität gegen sie? Besuch in Stalden und Triengen.
Die Gemeinde Staldenried VS, in der Valentin Abgott-spon geboren und aufgewachsen ist und wo er auch heute noch lebt, liegt etwas erhöht am Hang. Abgottspon nahm jeweils die kleine rote Seilbahn, um zur Schule unten in Stalden zu gelangen, wo er die Oberstufe unterrichtete, 22 Schüler. Seit dem 8. Oktober darf er das Schulhaus nicht mehr betreten. Die Schulvorsteher und der Gemeindepräsident Egon Furrer haben ihm fristlos gekündigt.
Der Sohn einer Katechetin und Seelsorgerin ist einer der beiden Freidenker, die in den letzten Wochen schweizweit für Aufregung gesorgt haben. Der 31-Jährige verlangte von den Schulbehörden, dass «aus allen Räumen, in denen ich in meiner Funktion als Lehrperson an einer öffentlichen Schule tätig bin, die Kruzifixe und Kreuze entfernt werden». Seither ist die Kirche nicht mehr im Dorf. Die Kirche übrigens, die befindet sich nur wenige Meter von der Schule entfernt, und dazwischen liegt der Friedhof.
In der Luzerner Gemeinde Triengen, 4339 Einwohner, liegen Kirche und Schule nicht ganz so nah beieinander. Aber ein grosses Kreuz oben am Hügel gibt unmissverständlich zu verstehen: Hier wacht Gott. Der 41-jährige David Schlesinger ist im Sommer 2008 zusammen mit Frau und Kindern in die Gemeinde gezogen.
Er habe Triengen als relativ weltoffen eingeschätzt, sagt der deutsche Physiker und Informati- Valentin Abgottspon kämpfte bisher vergeblich gegen seine fristlose Entlassung als Oberstufenlehrer. ker, der seit 2000 in der Schweiz lebte, arbeitete und Steuern bezahlte. Im August schrieb der Vater der Schulleitung einen Brief. Bezugnehmend auf einen Bundesgerichtsentscheid aus dem Jahr 1990, wonach das Anbringen eines Kruzifixes im Schulzimmer einer Primarschule nicht der Religionsneutralität entspreche. Er bat darum, die Kruzifixe aus den Klassenzimmern seiner Kinder zu entfernen. Das Antwortschreiben kam prompt. Darin stand, er als Einwanderer habe sich der «abendländischen Kultur» anzupassen. Dieses Schreiben ging als Kopie an weitere Personen im Dorf. «Dadurch waren sofort weite Kreise involviert», sagt Schlesinger.
Es dauerte nicht lange, bis die ersten anonymen Briefe eintrafen. Darin standen Aufforderungen wie: «Arschloch. Wenn es dir bei uns nicht passt, dann geh doch mit deiner Brut zurück ins Reich. PS: Wenn du bis zum 31.12.2010 nicht verreist, schicke ich dir einige Jugos vorbei, um deine Fresse zu polieren und deine Hütte abzufackeln. » Oder: «Ich garantiere Ihnen, dass Sie des Lebens nie mehr froh werden in unserem Land.» Schlesinger wollte die Sicherheit seiner Kinder wegen zweier Kruzifixe nicht gefährden und brachte sie ausser Landes. Rückblickend ist für ihn klar: «Die Verantwortlichen hatten von Anfang an kein Interesse an einer diskreten Erledigung.» Man habe das Thema bewusst an die Öffentlichkeit getragen. Triengens Gemeindepräsident Martin Ulrich will dazu nicht Stellung nehmen.
In der Zwischenzeit hat die Gemeinde die Familie eigenmächtig abgemeldet. Es soll Ruhe einkehren. Man will den Störenfried vergessen, von dem man gehört hat, er sei ein Fundamentalist, ein Spinner, ein Schmarotzer. Eine Schweizer Nachbarin, deren Kinder regelmässig mit denen der Schlesingers gespielt haben, sagt: «Ich wüsste nichts Negatives über die Familie zu sagen.»
Mit seiner skurrilen religiösen Gesinnung («Pastor der heiligen Pilze») sorgte David Schlesinger schon am früheren Wohnort für Aufsehen. Er sass wegen der Drogenpilze über ein Jahr in Untersuchungshaft, eine Anklage gibt es bis heute nicht. Aber weil er so lange nicht arbeiten konnte, habe man ihm seine existenzielle Grundlage weggenommen, sagt sein Anwalt Bernard Rambert. Das hatte zur Konsequenz, dass der Deutsche in Triengen im Jahr 2008 drei Monate von der Sozialhilfe lebte, bevor er Arbeit als ITLehrer fand. Ein Zuwanderer, der zwischendurch vom Staat lebte und den Mund aufmacht – das kommt nicht gut an.
Valentin Abgottspon sagt es so: «Mir können sie fristlos kündigen. Mehr nicht, denn ich bin Schweizer und einer vom Dorf. Aber David Schlesinger können sie derart bedrohen, dass er um die Sicherheit der Familie fürchten muss.»
Es ist Ende Oktober, und Valentin Abgottspon wartet auf den Entscheid des Walliser Staatsrats – es geht um die Frage, ob er am Freitag wieder vor seine Klasse treten darf. Das hat er in einem Rekurs verlangt. Er sitzt in einem Restaurant in Staldenried, wo sich alle duzen, und erzählt vom Sich-Exponieren in einem kleinen Dorf. Der kämpferische Freidenker, der in Fribourg Philosophie und Germanistik studierte, ist erst vor zwei Jahren aus der Kirche ausgetreten. «Jeder im Dorf wusste längst, wie ich denke. Ich habe aus Rücksicht auf meine Grossmutter damit zugewartet. » Sein Handy surrt. Abgottspon erfährt, was der Walliser Staatsrat soeben beschlossen hat: Es gibt keine aufschiebende Wirkung, die fristlose Kündigung gilt. Nüchtern sagt er: «Jetzt kann ich noch Beschwerde einreichen.»
Der Fall Abgottspon wird vor Gericht ausgefochten
Das tut er wenige Tage später auch – die Verantwortlichen in Stalden werden die fristlose Kündigung also vor Gericht rechtfertigen müssen. Gemeindepräsident Egon Furrer wird sagen, es sei weniger das Kruzifix als vielmehr das gestörte Vertrauensverhältnis gewesen: «Als Arbeitnehmer sollte man nicht dem Arbeitgeber schreiben, man verlange dies und das. Das geht einfach nicht. Er hat sich total im Ton vergriffen.»
Für den Gekündigten wiegt das «fristlos» schwer: «So wird mit Schwerverbrechern umgegangen. Aber was ich getan habe, war legal. Ich stütze mich auf ein Bundesgerichtsurteil. » Die Kruzifixe sind nicht das Einzige, was Valentin Abgottspon, der im lokalen Fussballclub mitspielt, störte. Er wollte auch nicht akzeptieren, dass für die Vorbereitungen kirchlicher Rituale Stunden ausfallen und dass er als Lehrer die Schüler zur Messe begleiten musste.
Im Mai 2010 hat Abgottspon mit Gleichgesinnten die Walliser Sektion der Freidenker-Vereinigung ins Leben gerufen, seither ist er deren Präsident. Und in den Dörfern fragt sich mancher: Macht der nicht einfach Werbung für seine Organisation? Der Gemeindepräsident ist nicht der Einzige, der den Verdacht hat. Abgottspon hält dagegen: «Nicht ich bin als Erster damit an die Öffentlichkeit gegangen, sondern Egon Furrer.» Abgottspons Mutter ist krank. Es gibt Stimmen unten in Stalden, die sagen: «Das ist seine Schuld. Das ist die Rache Gottes.» Aber nicht alle haben sich gegen den aufmüpfigen, für manch einen verbissen wirkenden Intellektuellen gewendet. In Staldenried sagt eine jüngere Frau: «Die Sache hat das Dorf gespalten. Ich bedaure, dass Valentin Abgottspon entlassen wurde. Mein Sohn ging in seine Klasse – er war ein toller, respektierter Lehrer.»
Von den Schmähbriefen, die der religionskritische Lehrer aus der Region erhalten hat, ist auch einer von einem «Kirchgänger aus Naters». Darin steht: «(…) ich hoffe, Sie finden keine Stelle im Wallis. Mein Vorschlag: Die Killerbrücke ist hoch, gehen Sie aber in der Mitte, sonst besteht die Gefahr, dass Sie hängen bleiben.» Für Abgottspon ist klar: «Wenn das Recht auf konfessionelle Neutralität im Klassenzimmer jedes Mal wieder eingefordert werden muss und die betreffende Familie den sozialen Tod sterben muss – das kann nicht sein!» Er und die Freidenker-Vereinigung sind der Meinung, dass es auf kantonaler Ebene Weisung braucht, damit «Kreuze per se von Amtes wegen weggenommen werden».
David Schlesinger wird das alles nicht mehr erleben. Er hat die Schweiz zwar – anders als in den Medien berichtet – noch nicht verlassen. Aber ausser letzten administrativen Erledigungen hält ihn nichts mehr hier.
((Quelle: Migros Magazin))
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